5 Fragen an Nora Linsi

 

Portrait von Nora Linsi

Nora Linsi ist studierte Bauingenieurin und Nachhaltigkeitsexpertin bei der Firma Gartenmann Engineering. Sie begleitet Projekte ab Wettbewerbsausschreibung bis zur Inbetriebnahme – vom Einfamilienhaus bis zum grossen Areal. Zudem engagiert sie sich in der Baukommission einer jungen Genossenschaft, die sich für altersdurchmischtes Wohnen einsetzt.

  1. Welche Rolle nehmen Sie im Zertifizierungsprozess eines SNBS-Gebäudes ein und welche Aspekte sind dabei besonders relevant?
    Wir helfen, die Projekt-Zielsetzungen zu begleiten. Dabei ist unser oberstes Ziel, zu einem nachhaltigen Projekt beizutragen. Nachgelagert folgt das Ziel, die Umsetzung einer gewünschten Zertifizierung sicherzustellen. Spezifisch in Bezug auf SNBS-Zertifizierungen koordinieren wir SNBS-Projekte vom Vorprojekt bis zur Inbetriebnahme. Dabei zeigt sich: Je früher eine Zertifizierung zur Zielsetzung des Projekts wird und je früher wir für die Koordination ebendieser dazustossen, desto niederschwelliger ist eine Zertifizierung möglich. Wichtige Stellschrauben können früh gestellt und die nötigen Randbedingungen mit der Zertifizierungsstelle abgesteckt werden – das schafft Planungssicherheit.
  2. Wie viel Spielraum haben Sie als Planerin gegenüber der Bauherrschaft, um Nachhaltigkeitsaspekte insbesondere im Bereich der Gesellschaft und der Umwelt, zu beeinflussen?
    Das hängt ganz davon ab, welche Ziele die jeweilige Bauherrschaft verfolgt. Bauherrschaften, die nicht aufgrund ihrer Portfolio-Strategie oder behördlicher Vorgaben auf eine Zertifizierung angewiesen sind, gilt es aufzuzeigen, welchen Mehrwert die Aspekte ihnen für ihr Projekt bringen können. Dabei sind die Kosten meist das stärkste Argument. Ein Beispiel: Die Reduktion der Betondeckenstärke führt zu einer Reduktion der benötigten Betonmenge, was sich wiederum positiv auf die Kosten auswirkt. Weitere Argumente sind die künftige Wohnqualität aufgrund sorgfältiger Aussenraumplanung oder die verhältnismässig niederschwellige Anpassbarkeit an neue Zielgruppen.
  3. Das Ziel ist es effizient durch den Zertifizierungsprozess zu kommen und idealerweise die Note 5 oder besser zu erreichen. Welche Hebel sehen Sie dabei?
    Für einen schlanken Zertifizierungsprozess ist es wichtig, dass für die Vorzertifizierung phasengerechte Dokumente gefordert werden und die Prüfung auf der richtigen Flughöhe erfolgt. Wird die Nachweisführung zu tief im Detail gefordert, führt das zu wenig Wirkung bei gleichzeitigem Gefühl der Überadministration. Hier sehen wir Verbesserungspotential. Natürlich besteht die Schwierigkeit, alle Projekte gleich zu behandeln, das verstehen wir.
  4. Welche Tipps möchten Sie den Planenden bzw. Baubeteiligten in Bezug auf die Antragsstellung mit auf den Weg geben?
    Sofern die relevanten Aspekte bereits in der Bestellung seitens Bauherrschaft integriert werden, ist der Prozess relativ einfach. In diesem Fall empfiehlt sich ein frühzeitiger Austausch mit der für das Projekt zuständigen Zertifizierungsstelle, um den Umgang mit projektspezifischen Besonderheiten zu klären.

    Schwieriger wird es, wenn eine «0815-Bestellung» mit einer unpräzisen Bestellung «SNBS» ergänzt wird. Das führt erfahrungsgemäss zu vielen Diskussionen zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
  5. Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft im nachhaltigen Bauen?
    Fehlende Anreize bezüglich Weiternutzung des Bestandes stehen – vermeintlich – im Widerspruch zu den hohen Komfortansprüchen und dem nachhaltigen Bauen. Die regulatorische Komplexität fordert Fachpersonen, welche gewillt sind, die Normen zugunsten des nachhaltigen Bauens auszureizen.