5 Fragen an Milton Generelli

 

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Milton Generelli, Leiter der Agenzia SNBS Svizzera italiana

Im Interview spricht Milton Generelli, Leiter der Agenzia SNBS Svizzera italiana, über die Rolle des SNBS bei der Verbesserung der Projektqualität im Tessin. Er erläutert die Vorteile für Auftraggebende und Planende und erklärt, wie sich das Label im Vergleich zu anderen in der Schweiz verbreiteten Standards, wie beispielsweise Minergie, positioniert.

  1. Wie reagiert der Standard auf die regionalen Besonderheiten des Tessins (Klima, Topografie, städtischer Kontext)?
    Der SNBS-Hochbau deckt die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Wirtschaft, Soziales und Ökologie – umfassend ab und bewertet sie im Schweizer Kontext. Ziel ist es, messbare und im regionalen Umfeld anwendbare Kriterien zu definieren – wie auch in unserem Kanton. In einigen abgelegenen Regionen, insbesondere in den Tälern, ist das aber nicht immer einfach umzusetzen. Zum Beispiel aufgrund der Distanz zu den wichtigsten Dienstleistungen oder einem begrenzten Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln. In diesem Fall können einige der Kriterien aus den verschiedenen Nachhaltigkeitsbereichen des SNBS-Hochbau sowie andere verfügbare Gebäudestandards angewendet werden, welche den Schwerpunkt auf andere zentrale Aspekte in Bezug auf Nachhaltigkeit oder Qualität legen – wie etwa Minergie(-P/-A)-ECO.
  2. Welche Anforderungen sind am wichtigsten, um die Qualität von Bauprojekten im Tessin zu verbessern?
    Ich würde keine einzelnen Anforderungen hervorheben. Der SNBS-Hochbau verhilft zu einer messbaren Nachhaltigkeit inklusive Zertifizierung und fördert so auch die Nachhaltigkeitskultur im Bauwesen. Er regt dazu an, neue Ansätze zu fördern und Bauherrschaften sowie Planende für Aspekte zu sensibilisieren, die wenig bekannt sind und bei uns oft zu wenig berücksichtigt wurden.
  3. Welche konkreten Vorteile bietet der SNBS-Hochbau für Auftraggebende und Planende?
    Für Auftraggebende als auch für Planende bietet der Standard die Möglichkeit, das teilweise abstrakte Konzept der Nachhaltigkeit an einem Gebäude messbar zu machen und in einem Projekt «zu verankern». Darüber hinaus profitiert der Auftraggebende von einem Gebäude, bei dem sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekten ebenso viel Gewicht beigemessen wird wie anderen klassischen Faktoren. Mit der Zertifizierung wird dieses Ergebnis bestätigt und die Immobilie im Vergleich zu konventionellen Lösungen aufgewertet. Der Planende wiederum wird auf seinem Weg zur Nachhaltigkeit begleitet und kann, wie bereits erwähnt, verschiedene abstrakte Konzepte der Nachhaltigkeit in die Praxis umsetzen.
  4. Welches im Tessin realisierte Projekt betrachten Sie als besonders gelungenes Beispiel für die Anwendung des SNBS-Hochbau und warum?
    Da fällt es mir schwer, mich auf ein Projekt festzulegen. Wenn Sie mich aber so fragen, nenne ich das vom Architekturbüro LANDS entworfene Gebäude in Pregassona. Es ist nach den Standards Minergie-A-ECO, Minergie-P-ECO und SNBS-Hochbau Silber zertifiziert und zeigt, die effektive Synergie zwischen verschiedenen Labels sowie auch die konkrete Möglichkeit, Gebäude mit hohen Baustandards bei gleichzeitig geringen Kosten zu realisieren. 
  5. Wie positioniert sich der SNBS-Hochbau im Vergleich zu anderen Labels in der Schweiz und wie können sich diese innerhalb eines Projekts ergänzen?
    Wenn ich als Bauherrschaft beziehungsweise Planerin oder Planer das höchste Ziel in Bezug auf nachhaltiges Bauen und Qualität erreichen möchte, kann ich die beiden aufeinander abgestimmten Labels Minergie und SNBS kombinieren – ohne dass doppelte Überprüfungen erforderlich sind. Eine Minergie-ECO-Zertifizierung deckt beispielsweise etwa ein Drittel der Anforderungen ab, die auch für ein SNBS-Gebäude gelten.
  6. Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für den SNBS-Hochbau im Tessin?
    Ich hoffe, dass sich dieser konkrete Ansatz für nachhaltiges Bauen in unserem Kanton weiter verbreitet und dass es bald mehr nach SNBS-Hochbau zertifizierte Gebäude geben wird. Ich wünsche mir, dass sowohl öffentliche als auch private Bauherrschaften diesen Standard übernehmen werden.

In einer so komplexen und vielfältigen Region wie dem Tessin prägen Klima, Topografie und Siedlungsstruktur die Art und Weise des Planens und Bauens massgeblich. Nachhaltigkeit bedeutet dabei, sich mit konkreten und alltäglichen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Der SNBS wurde mit dem Ziel entwickelt, messbare Kriterien bereitzustellen, die national anwendbar sind und sich zugleich an unterschiedliche lokale Gegebenheiten anpassen lassen.